Freitag, Februar 24, 2012

Herr Yozgat und Herr Wulff



I. Lehrer Epping
 
In dem Roman "Der Anschlag" von Stephen King korrigiert der Lehrer Epping Aufsätze von Erwachsenen, die den High-School-Abschluss nachmachen wollen. Obwohl seine Schüler zu den bildungsfähig Minderbegabten gehören, die "Abend" wie "Ahmd" schreiben und "gestorben" wie "gestorm", lässt er niemanden durchfallen, weil er nie einen erwachsenen Schüler oder eine Schülerin gehabt hatte, die sich nicht "den Arsch aufgerissen hätten". -
 
 Eines Abends korrigiert Lehrer Epping den Aufsatz des Hausmeisters seiner eigenen Schule, der auch nicht richtig schreiben kann, aber dieses Mal unterstrich und korrigierte Lehrer Epping kein einziges Wort, sondern legte statt dessen seinen Rotstift beiseite: Er las den Text des Hausmeisters Harry bis zum Ende, wischte sich die Augen, damit keine Tränen auf die Seiten fielen. Und zum Schluss malte er ein großes rotes A auf das Blatt, betrachtete es einen Augenblick und setzte dann ein großes rotes + daneben. A+, weil der Aufsatz gut war. "Und ist es nicht dass, was ein mit A plus benoteter Aufsatz tun sollte? Eine Reaktion hervorrufen?"
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II. Herr Ismail Yozgat

Bei der zentralen Gedenkfeier für die Opfer der Neonazi Terrorzelle NSU am 23.2.2012 in Berlin hielt Herr Ismail Yozgat eine kurze Ansprache. Er ist der Vater von Halit Yozgat, der am 6.4.2006 in seinem Internetcafé in Kassel mit zwei Kopfschüssen getötet worden war. Abends besuchte der 21-jährige Deutsche türkischer Abstammung einen Kurs, um sein Abitur nachzumachen:

"Meine Damen und Herren, Exzellenzen, ich möchte Sie alle herzlich begrüßen, vor allen Dingen unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ich bin der Herr Ismail Yozgat. Mein Sohn starb in meinen Armen am 6. 4. 2006 in dem Internetcafé, wo er erschossen wurde.

 
Ich möchte mich von ganzem Herzen bedanken bei Herrn Altbundespräsident Christian Wulff. Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn, und ich möchte mich bei allen bedanken, die diese Gedenkveranstaltung für uns gemeinsam ausrichten. Und ich möchte mich herzlich bedanken bei meiner Heimatstadt Baunatal.

Ich habe Anschreiben bekommen von der Ombudsfrau Frau Barbara John. Ich möchte mich herzlich bei ihr bedanken. Unter anderem ist uns materielle Entschädigung angeboten worden. Ich möchte mich herzlich dafür bedanken, möchte aber sagen, dass wir das nicht annehmen möchten. Meine Familie möchte seelischen Beistand, keine materielle Entschädigung. 

Wir haben anstelle dessen drei Wünsche: 
  1. Unser erster Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden, dass die Helfershelfer und die Hintermänner aufgedeckt werden. Das ist unser größter Wunsch und unser Glaube. Und unser Vertrauen in die deutsche Justiz ist groß. 
  2. Unser zweite Wunsch ist, dass die Holländische Straße - unser Sohn Halit Yozgat ist in der Holländischen Straße 82 geboren worden, und er ist dort in dem Ladengeschäft umgebracht worden -, dass diese Straße nach ihm benannt wird: Halit-Straße.
  3. Unser dritter Wunsch ist, dass im Namen der zehn Toten, im Angedenken an sie ein Preis ausgelobt wird. Wir möchten gerne, unsere Familie, eine Stiftung gründen und sämtliche Einnahmen spenden für Menschen, die krebskrank sind. Ich möchte mich herzlich bedanken für die Gedenkveranstaltung und möchte Sie herzlich und mit höchster Anerkennung grüßen."
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III. Die französische Universitätsprofessorin

Neulich hörte ich ein Gespräch, in dem die französische Universitätsprofessorin scherzte und sagte, dass man in Frankreich nur darüber lachen könne, wenn in Deutschland wegen solcher Lappalien ein Bundes-Präsident zurücktreten müsse - wie kleinkariert in Deutschland in diesem Punkt im Vergleich zu Italien und Frankreich doch gedacht würde. Der einzig wirkliche Grund für einen Rücktritt von Christian Wulff sei es vielleicht, dass er so kleinkariert sei und sich mit so kleinen Schummeleien zufrieden gegeben habe: Das zeige seinen Mangel an präsidialer Größe.

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Großartig waren die Worte von Ismail Yozgat 

u.a., weil: 
  • er die Größe hat, dem gerade zurück getretenen Bundespräsidenten Wulff für seine Rede am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 seine Bewunderung auszudrücken -  statt nachzutreten oder diese Rede einfach zu übergehen. 
  • Weil er trotz des beschämenden Versagens der deutschen Polizei der deutschen Justiz sein Vertrauen aussprechen konnte.
 - "Ein großes rotes A plus".

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Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit Bremen, 3. Oktober 2010. Christian Wulff:

... Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: “Sie sind unser Präsident” – dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben.
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Wir sind Deutschland. Ja: Wir sind ein Volk. Und weil diese Menschen mit ausländischen Wurzeln mir wichtig sind, will ich nicht, dass sie verletzt werden in durchaus notwendigen Debatten. 
Legendenbildungen, Zementierung von Vorurteilen und Ausgrenzungen dürfen wir nicht zulassen. Das ist in unserem ureigenen nationalen Interesse.

Die Zukunft gehört den Nationen, die offen sind für kulturelle Vielfalt, für neue Ideen und für die Auseinandersetzung mit Fremden und Fremdem. Deutschland muss mit seinen Verbindungen in alle Welt offen sein gegenüber denen, die aus allen Teilen der Welt zu uns kommen. Deutschland braucht sie!
... 


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Dienstag, Februar 21, 2012

Syrien und der Westen. Was als friedliche Rebellion begonnen hat ...


Manchmal kann der Eindruck täuschen:

Zum Beispiel Stuttgart:

Gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 gingen über die Jahre Hunderttausende von Menschen auf die Straße,  allein am 9. Oktober 2010 zum Beispiel waren es nach Aussagen der Polizei über 63.000, nach Angaben der Veranstalter 150.000 Menschen, die gegen das Bahn-Projekt und seine Folgen demonstrierten. - Am 27. Oktober 2011 fand dann unter der neuen Regierung in BW eine Volksabstimmung statt und heraus kam, bei hoher Wahlbeteiligung, dass 58,8% für den Weiterbau stimmten, sogar in Stuttgart selber war eine Mehrheit für den Weiterbau am Projekt Stuttgart 21. - 

Im Februar 2012 dann:

Am Freitag (17.2.12)  hatten Datenkabel in einem Bahntunnel nahe der Innenstadt gebrannt - die Folge war ein Verkehrschaos, das Auswirkungen auf den Bahnverkehr in ganz Süddeutschland hatte. Rund 40 Rohre für das so genannte Grundwassermanagement für das Bahnprojekt Stuttgart 21 waren am Sonntag (19.2.) in Flammen aufgegangen.
An beiden Tatorten, die nicht weit voneinander entfernt sind, wurden nach Polizeiangaben Spuren von Brandbeschleunigern gefunden. ... Ungeklärt sei nach wie vor auch, ob der oder die Täter zum Kreis der Stuttgart-21-Gegner gehören. - Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 betonten, ihre Gruppe lehne "entschieden jegliche Form von Gewalt und Sachbeschädigung ab". Verwerflich sei allerdings auch, wenn das Fehlverhalten Einzelner genutzt werde, "um eine der friedlichsten Bürgerprotestbewegungen Deutschlands zu diskreditieren", schrieb Friederike Perl vom Sprecherteam des Aktionsbündnisses. 

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Und in Syrien? 

"Das, was als friedliche Rebellion begonnen hat 
und von Assad blutig niedergeschlagen worden ist, hat durch die Unterstützung von außerhalb, durch den Einsatz massiver Gewalt auch von Seiten der Opposition eine völlig andere Qualität bekommen", sagt Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur arabischen Welt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Siehe dazu auch den Post "
Vom friedlichen Widerstand in Syrien" in diesem Blog
 
Die bisher teilweise unterdrückte Mehrheit der sunnitischen Bevölkerung, so Meyer, sei islamistisch orientiert. Es laufe darauf hinaus, dass sich hier eine sunnitische Achse, mit Unterstützung der Sunniten im Irak, im Libanon, in Saudi-Arabien, ausbildet, die gewaltsam den Sturz will. Diese Komponente werde in der Medienberichterstattung bisher völlig außer acht gelassen.

Mit Bashar Al-Assad kam im Jahre 2000 ein im Westen ausgebildeter Präsident an die Macht. 

Dieser führte zwar den diktatorischen Stil seines Vaters fort, öffnete Syrien aber auch für einen wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt. Der sogenannte Damaszener Frühling versprach die Reform alter Strukturen. "Das Religiöse war im Falle von Syrien bisher kein Thema", so Meyer. "Wir haben es bisher mit einer säkularen, weltlichen Herrschaft von Assad zu tun. Die ethnischen Differenzierungen, die religiösen Gegensätze wurden weitgehend überdeckt.  

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Aber genau diese Gegensätze brechen jetzt wieder hervor 

und es zeigt sich deutlich, dass vor allem die oppositionellen Widerstandskämpfer in erster Linie Sunniten sind, die zum Teil noch alte Rechnungen aus der Zeit des Vaters von Assad zu begleichen haben." Laut einer Umfrage der syrienkritischen Qatar-Foundation sollen nach wie vor 50 Prozent der Bevölkerung hinter Assad stehen. "Eine Ablösung des Regimes würde bedeuten, dass hier sunnitische Islamisten die Macht übernehmen - und das ist nicht im Interesse des großen Teils des städtischen syrischen Bevölkerung, die unter säkularen weltlichen Bedingungen sehr viele Fortschritte erlebt hat, wirtschaftliche Liberalisierung und Ähnliches."

Klar positioniert haben sich das Emirat Katar und der Sender Al-Dschasira, er unterstützt wie zuvor in Tunesien, Libyen und Ägypten die Opposition. "Gegenwärtig steht Al-Dschasira ganz klar parteiisch auf der Seite des Emirs von Katar und damit der konservativen Monarchien auf der arabischen Halbinsel", sagt Meyer.

Die Radikalisierung des Konflikts, die Rolle der freien syrischen Armee und die mediale Begleitung durch ausländische Sender fördere den Zerfall des Vielvölkerstaats. Assad gerät unter Zugzwang und wehrt sich gegen jeglichen politischen Druck, egal ob vom Westen, oder von der arabischen Liga. "Die FSA mit ihrer Bewaffnung liefert die Rechtfertigung für das Regime Assad gegen diese aufständischen vorzugehen", so Meyer. "Die Lösung wäre nicht 'mehr Waffen', denn mehr Waffen nur zu mehr Blutvergießen führen würden, zu mehr Bürgerkrieg führen."

Und welche Rolle spielt der Westen in Syrien? 


Freitag, Februar 17, 2012

Libyen. Der erste Jahres-Tag der Revolution. VonTestosteron, Stolz und Menschenrecht

Als offizieller Tag des Revolutionsbeginns gilt in Libyen der 17. Februar 2011.

Heute [Februar 2012!] herrscht Frieden in Libyen, -
(siehe dazu auch die Kommentare der Menschenrechts-Organisationen unten) -
und zum Jahrestag der Revolution sind die jungen Männer mit ihren Pickups und Waffen wieder da und feuern in die Luft, was das Zeug hält, auch wenn der Übergangsrat das offiziell verboten hat.
Ich erinnere mich an einen Leserbrief, den ich irgendwo zu Beginn des Bürgerkrieges in Libyen gelesen hatte. Eine Frau äußerte sich darin zu einem Bild von jungen aufständischen libyschen Männern, ähnlich wie diesem, auf dem sie in ihre Waffen verliebt schienen.
 


Sie äußerte ihre Bewunderung für die friedliche "Jasmin-Revolution" in Tunesien, die - mit der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Sidi Bouzid am 17.12.2010 als Auslöser - begonnen hatte. Einen Monat später verließ Diktator Ben Ali fluchtartig das Land, ohne dass es zu Gewaltexzessen gekommen war, ohne Luftangriffe von ausländischen Flugzeugen auf das Land, ohne dass der Diktator auf so problematische Weise wie Gaddafi in Libyen ums Leben gekommen war.
Die Schreiberin äußerte gleichzeitig ihre Abscheu vor diesen jungen libyschen Rebellen, die in ihre Waffen verliebt zu sein schienen und vom Testosteron gesteuert.

Siehe auch den Post:
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Der deutsch-ägyptische Journalist Karim El-Gawhary berichtet aus Libyen, dass in Tripolis zum Jahrestag gute Stimmung herrsche, dass Wandgemälde die Revolution stolz verewigen, dass es manchmal noch etwas chaotisch sei - aber die Menschen glauben, dass sie nach dieser Übergangszeit in einem besseren Libyen leben werden. Die Straßen sind mit Fahnen geschmückt, Freiwille haben das Pflaster des Platzes der Märtyrer gefegt, und Familien schlendern über den Platz. (taz 18.2.12)
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Menschenrechts-Organisationen sehen die Lage kritischer: 
Amnesty international schreibt:

MILIZEN AUßER KONTROLLE
16. Februar 2012 - Eine Delegation von Amnesty International war in den vergangenen Wochen in Libyen, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Das Fazit: die bewaffneten Milizen in Libyen begehen weitreichende Menschenrechtsverletzungen vor allem an mutmaßlichen al-Gaddafi-Anhänger und verhindern so den Aufbau eines neuen Staates. Im Bericht "Militias threaten hopes for new Libya" dokumentiert die Delegation von Amnesty International Fälle, in denen Menschen willkürlich inhaftiert, gefoltert und getötet wurden. 

Die Nichtregierungsorganisation "UN Watch" meldet,
dass der libysche Delegierte am 13.2. bei seinem ersten Auftritt die Homo-Politik der Vereinten Nationen scharf kritisierte. Er erklärte, dass die Beratung über schwul-lesbische Themen "die Religion beeinträchtigen und das Überleben der Menschheit" infrage stellen würde. - Libyen wurde im März letzten Jahres wegen der Menschenrechtsverletzungen des Gaddafi-Regimes aus dem Menschenrechtsrat ausgeschlossen. Erst im November wurde die neue Regierung wieder aufgenommen. - Dem "neuen" Libyen ist besonders eine UN-Resolution des Menschenrechtsrates vom Juni 2011 ein Dorn im Auge, in dem erstmals die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in der Welt kritisiert wurde. Quelle: UN-Watch

Und die "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) aus England schreiben:

Detainees in the Libyan city of Misrata are being tortured and denied urgent medical care, leading MSF to suspend operations in detention centres in Misrata.
"Patients were brought to us in the middle of interrogation for medical care, in order to make them fit for further interrogation. This is unacceptable," said MSF General Director Christopher Stokes.
Since we began treating war-wounded in Misrata's detention centres, our doctors have been increasingly confronted with patients suffering from injuries caused by torture during interrogation sessions.
Since August MSF teams have treated 115 people who had torture-related wounds, reporting all the cases to the relevant authorities in Misrata and repeatedly demanding that the ill treatment of detainees ceases.  "No concrete action has been taken," said Stokes. "Instead, our team received four new torture cases. We have therefore come to the decision to suspend our medical activities in the detention centres."
Despite reluctantly suspending our work in the detention centres we will continue our mental health activities in Misrata, as well as our work providing assistance to 3,000 refugees and internally displaced people in and around Tripoli.
To ensure our independence we rely solely on private donations to fund our medical work in Libya. We do not accept any funding from governments or military and political groups.
Warm Regards
MSF UK 
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Zur Erinnerung:
Der Aufstand gegen Gaddafi in Libyen brach im Februar 2011 im Zuge von Protesten in der gesamten arabischen Welt aus. Er begann mit Demonstrationen gegen die Herrschaft Muammar al-Gaddafis und nahm nach den Unruhen in Tunesien, Ägypten und Algerien an Schärfe zu.
Ab dem 15. Februar 2011 erschossen Einheiten der libyschen Polizei, der Sicherheits- und Streitkräfte innerhalb weniger Tage vermutlich Hunderte von Demonstranten. Als offizieller Tag des Revolutionsbeginns gilt der 17. Februar. Der politische Konflikt eskalierte zur militärischen Auseinandersetzung und spaltete die Führung des Landes. Teile des diplomatischen Korps und der Streitkräfte schlossen sich der Opposition an. Es entstand ein Nationaler Übergangsrat, der im Osten des Landes die Kontrolle übernahm. -
Am 23. Oktober 2011 erklärte der Übergangsrat Libyen für befreit. Am 31. Oktober 2011 wurde Abdel Rahim el-Kib mit 26 von 51 Stimmen zum neuen Chef der Übergangsregierung und damit zum Ministerpräsidenten von Libyen gewählt. (wikipedia)
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Donnerstag, Februar 16, 2012

Frühstück mit Chinesen. Über konformistische Redakteure und Gehirnwäsche.




Neulich traf ich in einer Bar beim Frühstück einen jungen (Rot-) Chinesen. Während ich Kaffee trank und es mir mit meiner liberalen non-mainstream-Tageszeitung gemütlich machte, saß er vor seinem Mac-Book und studierte die Foren und Blogs im Internet. - Wir kamen ins Gespräch, und er äußerte sein Un-Verständnis darüber, wie jemand jeden Morgen die gleiche Tageszeitung lesen könne - und das auch noch in der Papier-Version: Man begebe sich freiwillig und ohne Not in die Hände eines einzigen Mediums; das sei doch wie eine selbst verordnete Gehirnwäsche. "Die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden", und allmorgendlicher Tropfen höhle schließlich den Stein - bzw. das westliche Gehirn.

Meine Argument ließ er nicht gelten:

Das sei vielleicht in China so, aber in Deutschland ganz ausgeschlossen, denn ich hätte ja gerade aus diesem Grunde eben diese kritische liberale non-konformistische prima Tageszeitung ausgewählt - und keine andere -, weil ich mich so vor der Gehirnwäsche durch die Mainstream-Medien schützen könne .

Auch mein zweites Argument zog nicht:

Dass ich ja selber Miteigentümer dieser Zeitschrift sei, weil sie genossenschaftlich organisiert sei, und ich mich ja dann sozusagen selber manipulieren würde. -


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Die fünfte Freiheit
Als ich später in einer ruhigen Minute über das Gespräch noch einmal nachdachte, fiel mir das Buch von Noam Chomsky wieder ein, dass ich vor Jahren begeistert gelesen hatte: Die Fünfte Freiheit. Über Macht und Ideologie. Vorlesungen in Managua.


"Noam Chomsky hat seit den sechziger Jahren unsere Vorstellungen über Sprache und Denken revolutioniert. Zugleich ist er einer der schärfsten Kritiker der gegenwärtigen Weltordnung. Der1928 geborene Chomsky ist als »der einflussreichste westliche Intellektuelle« und als »der bekannteste Dissident der Welt« bezeichnet worden" - (las ich gestern bei Amazon).

Dieses Buch ist 1988 in deutscher Sprache erschienen, 1987 in englischer. Es enthält Vorlesungen, die Chomsky 1986 in Managua/Nicaragua gehalten hat.


Mit der "Fünften Freiheit" meint Chomsky die "Freiheit zu Raub und Ausbeutung als vordringliches Bestreben US-amerikanischer Außenpolitik". -

In der letzten der insgesamt fünf Vorlesungen bezeichnet er die USA als "vermutlich freier und offener als jede andere Gesellschaft der Welt". Er vergleicht sie mit der damals noch existierenden Sowjet-Union und schreibt: "In dieser Hinsicht sind die USA im weltweiten Spektrum an dem Ende, das der anderen Supermacht UdSSR auf das Schärfste entgegengesetzt ist. In der Sowjetunion existiert eine geschlossene Gesellschaft, in der der Staat vor jeglicher Kontrolle geschützt ist und hinreichende Mittel besitzt, um die Bevölkerung unter Druck zu setzen."

Chomsky hat die Berichterstattung der Presse in den USA über Jahre hinweg untersucht und kam zu dem immer gleichen Ergebnis:

"Die Verbrechen der Vereinigten Staaten und ihrer Satelliten werden verschwiegen oder erklärend entschuldigt, die Verbrechen der offiziellen Feinde dagegen mit Abscheu kommentiert. ... Eigentlich erwartet man eine solche Haltung von der amtlichen Presse in totalitär regierten Ländern."

Chomsky war erschrocken über diese Selbstzensur der Presse in den USA, wo doch eigentlich "das Recht auf freie Meinungsäußerung in hohem Maße dergestalt verteidigt wird, dass es verglichen mit anderen Ländern kaum staatliche Kontrollen gibt. ... Die Gründe für die regelrechte Ehrerbietung, welche die Medien der Macht entgegenbringen, sind nicht schwer auszumachen", schreibt er, und erläutert in der Vorlesung ausführlich die Gründe für dieses konformistische Verhalten der Journalisten in einer der freiesten Gesellschaften der Welt. (Lesen Sie es nach - es ist spannend und aufschlussreich).


Kann man die Meinungs-Freiheit in Deutschland nicht mit der in den USA vergleichen? Haben wir nicht eine der freisten Gesellschaften der Welt und wird bei uns nicht die Pressefreiheit - im Unterschied zur heutigen VR China - hoch geachtet? -

Und sollte mein chinesischer Bekannter vielleicht trotzdem Recht haben? ist es auch bei uns heute so, wie es Chomsky vor 30 Jahren in den USA nach-wies: "Die Verbrechen des Westens werden in unseren Medien verschwiegen oder erklärend entschuldigt, die Verbrechen der offiziellen Feinde dagegen mit Abscheu kommentiert" ? Und macht "meine" kritische non-konformistische Tageszeitung das vielleicht auch, und ich merke es schon gar nicht mehr? Und vielleicht merken ihre Redakteure es selber gar nicht?

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Ich recherchiere im Internet. Ich lese einen Text von John Pilger:

John Pilger, Jahrgang 1939, ist ein australischer Journalist und Dokumentarfilmer. Er war Leiter der Auslandsredaktion des „Daily Mirror“. Pilger drehte mehr als 50 Filme und hat in seiner Karriere für viele bekannte englischsprachige Zeitungen geschrieben (z. B. „The Independent“, „The Guardian“ und „The New York Times“).
Mit zahllosen Journalismus-Preisen ausgezeichnet, gilt Pilger als einer der besten lebenden englischsprachigen Journalisten. 2003 erhielt er den Sophie-Preis für seinen besonderen Einsatz für die Menschenrechte. Er engagiert sich in der Bewegung "Democracy now!" und steht auch der Politik Obamas kritisch gegenüber, die seiner Meinung nach das Ziel bisheriger Regierungen der USA einer internationalen Vorherrschaft weiter verfolgt. Er wurde im Jahre 2009 mit dem Sydney-Friedenspreis ausgezeichnet. (wikipedia)

  "Die Revolution der Nachrichten hat begonnen:
(New Statesman aus dem Jahre 2005) - Die indische Schriftstellerin Vandana Shiva hat zu einem Aufstand gegen „versklavtes Wissen“ aufgerufen. Der Aufstand hat schon begonnen. Millionen von Menschen haben sich in ihrem Bemühen, die gefährliche Welt, in der wir leben, zu verstehen, von den herkömmlichen Nachrichten- und Informationsquellen ab- und dem Internet zugewandt in der Überzeugung, dass der vorherrschende Journalismus die Stimme der zügellosen Macht ist. Der große Irak-Skandal hat dies beschleunigt. In den USA haben mehrere etablierte Radiojournalisten zugegeben, dass die Invasion vielleicht nicht stattgefunden hätte, wenn sie die Lügen, die über die Massenvernichtungswaffen im Irak verbreitet wurden, beim Namen genannt und enttarnt hätten, anstatt sie zu verstärken und zu rechtfertigen.

Eine solche Ehrlichkeit ist diesseits des Atlantiks noch nicht zu finden."
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Und dann schlage ich "meine" kritische Tageszeitung auf und lese einen Artikel von Georg Seeßlen: Kuba muss die Pressefreiheit zweifellos noch lernen. Aber bitte nicht von uns.

Auszüge:
"In Kuba gibt es wenige Zeitungen, und ein Zeitungskiosk in Havanna macht für unsere Augen einen trostlosen Eindruck. ... Der Aufmacher von Granma heute: die Notwendigkeit, den Preis für schwarze Bohnen um einige Cent pro Kilo zu erhöhen. - Man würde einer Gesellschaft, die sich in einem Übergang befindet, aber mehrheitlich nicht bereit ist, sich einfach fressen zu lassen von Kapital und Entertainment, mehr Diskurskultur, mehr Pressefreiheit wünschen.

Niedertracht und Bordlektüre

Ja, das würde man. Jedenfalls so lange, bis man wieder in den heimischen Gefilden gelandet ist: Schon bei der Lektüre der ersten Zeitung an Bord des Flugzeugs wird einem klar, was ein gut recherchierter Artikel über die Preiserhöhung von schwarzen Bohnen wert ist. Wenn man nämlich die (für unsereinen zugegebenermaßen etwas mühsame) Lektüre vollzogen hat, weiß man etwas über den Zusammenhang von Wetter, Düngemittel, Versorgungsauftrag und Weltmarkt. Und natürlich weiß man, was die Erhöhung des Preises für schwarze Bohnen für das Leben einer kubanischen Familie bedeutet. Was aber weiß ich nach der Lektüre einer deutschen Zeitung, jedenfalls der Art, wie sie in Flugzeugen verteilt werden? ...
Unsere "Presselandschaft" wäre außerstande, einen realistischen und detaillierten Artikel über die Erzeugung des Preises von schwarzen Bohnen (oder Kartoffeln) hervorzubringen. Und das aus gleich drei Gründen: Ein solcher Artikel "verkauft" sich nicht. Ein solcher Artikel benötigt eine journalistische Arbeit, die im Lohndrückerkapitalismus unbezahlbar ist. Und: Wer wirklich dahinter käme, wie der Preis von schwarzen Bohnen (oder Kartoffeln) auf dem Markt zustande kommt, der würde unbequem, der lebte gefährlich. ...
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Sonntag, Februar 05, 2012

"Freier Arbeiter" oder "Verliererhund?" - Als Tagelöhner in Japan.


Nach geplatzter Immobilienblase, Wirtschaftskrise und anschließenden Sparmaßnahmen des Staates sind in Spanien 5,3 Millionen Menschen arbeitslos, gut 1/3 von ihnen bekommt keine Unterstützung vom Staat mehr. Die Arbeitslosenquote beträgt 23%, in 1,5 Millionen spanischen Haushalten gibt es niemand mehr, der einen Arbeitsplatz hat.

In Japan arbeitet inzwischen 1/3 aller ArbeitnehmerInnen in nicht-regulären Arbeitsverhältnissen. Traditionell kümmert sich in Japan nicht der Staat um die Menschen, sondern lebenslang die Firma, in der man fest angestellt ist. - Solange man fest angestellt ist:

"Die Firma kümmert sich in Japan um fast alles. Um Deine Sicherheit. Um Deine Wohnung. Deine Rente. Deine Gewerkschaft. Dein soziales Leben. Deine Hochzeitsfeier. Deine Beerdigung. Das ist der Deal. Dafür tust Du – ohne viel zu fragen – was verlangt wird. Du passt Dich ein."

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Freeter nennt man in Japan die Menschen, die dieses Privileg mit seinen Vor- und Nachteilen nicht mehr genießen können oder wollen. "Freie Arbeiter". Wie sie leben, davon berichtet ein spannendes Feature im swr2 im Januar 2012. Sie können es im Internet nachhören und nachlesen:

SWR2 FEATURE AM SONNTAG:
 FREETER. TOKIOS DIGITALE TAGELÖHNER. SENDUNG 15.01.2012.

Auszüge daraus:
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Jeden Tag fährt Du wie alle anderen mit den überfüllten „white-collar“-trains, den Vorortzügen, nach Tokyo zur Arbeit hin und zurück. Er hat einen Job, der ihn absolut nicht interessiert. Er ist noch nicht mal dreißig und hat keine Träume mehr. Denn er hat es jetzt geschafft: Er hat eine Festanstellung. Er arbeitet als Manager in einem Call-Center der staatlichen Eisenbahn. Er bist jetzt ein Sarari-man, ein Angestellter, trägt schwarzen Anzug, weißes Hemd. 
"Ich stehe um sechs Uhr morgens auf – mache mir Frühstück – und bin um sieben in der Bahn, weil ich gut anderthalb Stunden Fahrzeit brauche, bis ich im Büro bin. Um neun fange ich an zu arbeiten, ich arbeite lange und fahre abends den ganzen Weg wieder zurück, nach Hause. Dann esse ich zu Abend, bade und gehe so gegen zehn Uhr schlafen. Am nächsten Tag geht es wieder von vorne los." 
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Bis Mitte der 80er Jahre war die Festanstellung noch der Normalzustand, die typische Mittelstandsgesellschaft, für die Japan so berühmt war, die lebenslange Festanstellung, die vielen Überstunden, die üppigen Bonuszahlungen. Die Firmen offerierten gar keine andere Möglichkeit, als eine unbefristete Festanstellung. Und damit auch das Hamsterrad. Das war normal.
Bis Mitte der 1980er Jahre, als es begann mit der Personalfirma Recruit, die mit Stellenanzeigen um die neuen „Arubaito“-Arbeitskräfte warb. Und die Leute, die sich dann auf diese Jobs bewarben, dachten, dass das eigentlich eine ganz gute Art und Weise ist, sein Geld zu verdienen: ohne Festanstellung, befristet, frei, unabhängig und nach eigenem Interesse.

Das Wort „arubaito“ stammt vom deutschen Wort „Arbeit“ ab. Es handelt sich bei „arubaito“ um Arbeitsverhältnisse aller Art jenseits der Festanstellung. Mittlerweile arbeitet über ein Drittel der japanischen Beschäftigten in nichtregulären Arbeitsverhältnissen.

Durch die Entlassungen und den Einstellungsstopp in den 1990er Jahren, die nie wieder aufgeholt wurden, war hunderttausenden junger Menschen der Zugang zur japanischen Wirtschaft verwehrt. Zwei Absolventen-Generationen konnten keine Anstellung finden. Und wenn sie älter als 34 Jahre sind, fallen sie einfach aus der Statistik raus. Das ändert aber nichts daran, dass sie mit 35 immer noch Freeter sind. Was in Deutschland „Generation Praktikum“ genannt wird, heißt hier: Rosujene – lost generation oder: makeinu – Verliererhunde.
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 Früher hat er dort im Call-Center auch schon gearbeitet. Aber befristet, als Freeter. Das Wort „Freeter“ setzt sich aus dem englischen „free“ - frei - und der letzten Silbe des deutschen Wortes „Arbeiter“ zusammen. Freeter sind all jene, die nicht festangestellt arbeiten. Egal, ob sie eine einfache oder anspruchsvollere Arbeit verrichten. Das Unterscheidungsmerkmal ist lediglich, dass die Freeter nicht festangestellt sind.

„In Japan hat sich die Firma schon immer sehr stark um ihre Leute gekümmert und auf die soziale Versorgung „aufgepasst“ – die Sozialleistungen, Renten- und Krankenkassenbeiträge, der Festangestellten wurden übernommen, selbst Wohnungsprobleme wurden durch die Firma gelöst – sie hat sich quasi um alles gekümmert. Als Freeter kommst du einfach nicht in diesen Genuss. Um dich als Freeter kümmert sich die Firma nicht. Und außerhalb der Firma gibt es in Japan nichts und niemanden, der sich um das Wohlergehen der Menschen wirklich sorgt. Also ist das kulturell sehr stark in Japan verwurzelt, dass man nur in und mit einer Firma zusammen wirklich gut leben kann.“

Die Firma kümmert sich in Japan um fast alles. Um Deine Sicherheit. Um Deine Wohnung. Deine Rente. Deine Gewerkschaft. Dein soziales Leben. Deine Hochzeitsfeier. Deine Beerdigung. Das ist der Deal. Dafür tust Du – ohne viel zu fragen – was verlangt wird. Du passt Dich ein.
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Wer von den Freeters abends nicht nach Hause kann (weil er zu weit weg wohnt, weil er seiner Familie nicht sagen kann, dass er keine feste Arbeit hat), der übernachtet vielleicht in einem Internetcafé: Dort mietet man stundenweise eine Kabine, das kostet für eine ganze Nacht maximal 20 Euro. Die Kabine ist sauber, man kann die Tür hinter sich zuziehen, man kann sich auf dem Boden ausstrecken, es gibt einen kleinen Safe für die Wertsachen, Pantoffel, Kissen und Decken bekommt man bei Bedarf am Eingang, es gibt gratis Getränke aus Automaten, und es gibt Duschen im Internetcafé. Man kann lesen, über Kopfhörer Musik hören, im Internet surfen und nach Stellen im Internet suchen: Als Freeter oder als fest Angestellter. Freeter sind keineswegs nur Hilfsarbeiter, es gibt auch viele junge Leute, die gut ausgebildet sind, die oft sogar einen Universitätsabschluss haben. Doch weil den viele haben, bedeutet er auch nicht so viel. Am meisten Chancen haben noch die Neugraduierten auf eine Arbeitsstelle. Doch schon kurz nach dem Universitätsabschluss wird es schwer. Es gibt ja sehr viele Freeter, die einen Universitätsabschluss haben. Es ist auch nicht auszuschließen, dass Todai-Absolventen Freeter werden. Die Todai, die Tokyo Daigaku, ist die beste Universität Japans. Die Bildungsmöglichkeiten in Japan können jedenfalls nicht garantieren, dass die Jugendlichen einen Arbeitsplatz bekommen.
Die modernen Tagelöhner werden über das Internet vermittelt. Und während die älteren Männer mit ihren blauen Plastikplanen-Zelten aus den Innenstädten verdrängt werden, rücken die neuen jungen und gut ausgebildeten Obdachlosen in die Vergnügungszentren der Großstädte vor, denn dort liegen die Internetcafés. Sie sind die Speerspitze der Flexibilität. Sie sind schneller bei der Arbeit, können früher kommen und später gehen, ohne dass sie deswegen weniger freie Zeit haben. Sie können leben wie ein Student, mit viel Zeit für die Dinge, die sie mögen und trotzdem sind sie nicht arm. Wenigstens nicht auf den ersten Blick.  

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Das größte Problem haben die Männer! Die Männer können nicht heiraten, wenn sie zu lange als Freeter arbeiten. Das ist das Problem! - Was früher noch romantisches Ideal war – selbstbestimmt zu arbeiten, frei über seine Zeit verfügen zu können – entwickelt sich zum Albtraum und zu einem Vehikel für Lohndrückerei. Pech für die Freeter. Denn niemand kümmert sich um sie. Auch nicht der Staat. Brauchte er auch nicht. Bislang.